Gesetzliche Rente
Rentenalter hoch? Diese Argumente sprechen dagegen

69, 70 oder gar 72 Jahre: Immer wieder gibt es Rufe nach einem höheren Rentenalter. Mit der Lebensrealität arbeitender Menschen hat das wenig zu tun. Unsere Argumente gegen das Arbeiten ohne Ende.

Das Jahr 2026 könnte als Jahr der großen Rentenreform in die Geschichte eingehen. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die gesetzliche Rentenversicherung neu aufzustellen. Vorschläge soll eine Kommission liefern, bis Ende Juni.

Schon jetzt wird heftig darüber diskutiert, was die Rentenkommission der Regierung demnächst empfehlen könnte. Ganz oben auf der Liste: Ein höheres Rentenalter. Konkret: Eine Anhebung auf 70 Jahre. Aus der Wirtschaft kommen solche Forderungen schon lange: Die Lebenserwartung steige und damit eben auch das Renteneintrittsalter, heißt es.

Klingt logisch? Ist es aber nicht.

In Wirklichkeit wäre eine höhere Regelaltersgrenze für die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fatal. Nicht nur für die, die körperlich hart arbeiten.

Das sind die Gründe:


Rentenalter bereits heute kaum erreichbar

Wenn es nach den IG Metall-Mitglieder geht, ist die Sache klar: Nur 17 Prozent von ihnen sagen, dass sie unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen über das 67. Lebensjahr hinaus arbeiten könnten. Fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) ist sich da sogar sicher. Das ergab eine Umfrage der IG Metall im Jahr 2025.

Eine vorausgegangene Umfrage zeigt sogar: Schon das aktuelle Renteneintrittsalter von 67 Jahren ist für die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht erreichbar. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) geht demnach davon aus, dass sie ihren derzeitigen Beruf unter ihren „gegenwärtigen Arbeitsbedingungen“ nicht bis 67 ausüben kann.

Über das 67. Lebensjahr hinaus arbeiten zu können, glauben dann nur noch 23 Prozent der befragten Erwerbstätigen unter 67 Jahre.

Urteil von IG Metall-Sozialvorstand Hans-Jürgebn Urban: „Eine Rente mit 70 ist unrealistisch. Ein höheres gesetzliches Renteneintrittsalter bedeutet eine Rentenkürzung. Das würde insbesondere die junge Generation mit persönlichen Abschlägen bei der Rente bezahlen müssen.“ 


Höheres Rentenalter ist unfair

Ein noch höheres Rentenalter würde für die meisten Menschen nur eines bedeuten: Hohe Abschläge und eine entsprechend geringe Rente.

Denn wer es nicht bis zur Regelaltersgrenze schafft, erhält nur eine gekürzte Rente. Pro Jahr des „vorzeitigen Rentenbezugs“ zieht die Rentenversicherung 3,6 Prozent von der persönlichen Rente ab. Und zwar dauerhaft, für die gesamte Zeit des Rentenbezugs.

Besonders unfair ist ein höheres Rentenalter deshalb für Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie schaffen es deutlich seltener bis zur Regelaltersgrenze als zum Beispiel Beamte. Der Grund liegt auf der Hand: Die körperliche Belastung am Arbeitsplatz.

Körperlich hart arbeitende Menschen werden durch ein immer höheres Rentenalter doppelt bestraft: Durch Gesundheitsschäden und gekürzte Renten.


Betriebe sind nicht vorbereitet

Selbst wenn Beschäftigte länger arbeiten könnten: Die Wirklichkeit in den Betrieben würde dem widersprechen. In einer IG Metall-Umfrage sagte nur die Hälfte (51 Prozent) der befragten Beschäftigten zwischen 50 und 64 Jahren, dass der eigene Betrieb auf älter werdende Belegschaften ausreichend vorbereitet ist – zum Beispiel durch gezielte Weiterbildungsangebote.

Viele Unternehmen wollen ältere Beschäftigte eher loswerden als ihnen eine altersgerechte Tätigkeit zu ermöglichen.

Dass Arbeitgebervertreter die Rente mit 70 fordern, ist keine Neuigkeit. Neu wäre, wenn sie die Arbeitsbedingungen so verbessern würden, dass mehr Beschäftigte gesund die Regelaltersgrenze erreichen können. Hier ist viel Luft nach oben.


Arbeitslosigkeit im Alter besonders riskant

Keine Altersgruppe ist so stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen wie Menschen ab 55.  Fast die Hälfte (47 Prozent) aller Arbeitslosen in diesem Alter ist langzeitarbeitslos. Die Chancen auf eine Rückkehr in reguläre Beschäftigung sind viel schlechter als bei jüngeren Arbeitslosen.

Dadurch werden jahrzehntelange Erwerbsbiografien buchstäblich auf den letzten Metern entwertet. Denn: Nur für die Dauer des Arbeitslosengeld-Bezugs werden Rentenbeiträge gezahlt. Längere Arbeitslosigkeit macht sich bei der Rente massiv bemerkbar. Ein noch höheres Rentenalter verschärft diese Risiken.


Mehrheit sagt „nein“ zu höherem Rentenalter

Die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt eine weitere Anhebung des Rentenalters ab. 81 Prozent der Befragten sprachen sich zuletzt im ARD-Deutschlandtrend dagegen aus. Umfragen der IG Metall bestätigen dieses Meinungsbild.

Was die Mehrheit stattdessen fordert: Realistische Altersgrenzen. Eine gesetzliche Rente, die den Lebensstandard im Alter annähernd sichert. Und eine Rentenversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen – auch Beamte, Selbstständige, Freiberufler.


Was schlägt die IG Metall bei der Rente vor?

Die älter werdende Gesellschaft fordert die Rentenversicherung heraus. Die Konsequenz kann aber nicht unsoziales Zusammenkürzen und Arbeiten ohne Ende sein.

„Die Menschen brauchen Sicherheit und eine finanziell stabile gesetzliche Rente als wichtigste und wertvollste Säule für ein würdevolles Leben im Alter“, sagt IG Metall-Sozialvorstand Hans-Jürgen Urban. „Dem System helfen keine Kürzungen, sondern ein Ausbau der Solidargemeinschaft und eine faire Verteilung der gesellschaftlichen Kosten.“

Dazu brauche es einen solidarischen Mix aus Steuern und Beiträgen. „Unsere Antwort heißt Erwerbstätigenversicherung. Alle rein in das Solidarsystem, alle zahlen Beiträge und alle erhalten Leistungen und stabilisieren die gesetzliche Altersvorsorge.“

Die IG Metall hat  ein ausführliches Konzept vorgelegt, mit dem die gesetzliche Rente gestärkt und zukunftsfest gemacht werden kann.

Sozialpolitik

Neu auf igmetall.de

Newsletter bestellen