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Deutschlands jüngster Betriebsratsvorsitzender im Interview

© Alexander Liebler

Deutschlands jüngster Betriebsratsvorsitzender im Interview

Ich habe die Chance etwas zu bewegen

07.01.2019 Ι Alexander Liebler ist seit fünf Wochen Deutschlands jüngster Betriebsratsvorsitzender, mit 23 Jahren. Beim Vakuumpumpenhersteller Vacuubrand im nordbadischen Wertheim, einem Familienbetrieb ohne Tarif, will er sich um die Wünsche der Beschäftigten kümmern.

Wir wollten von Alexander wissen: Warum machst Du das? Und wie gehst Du das an?

Alexander, seit zwei Wochen bist Du Vorsitzender des Betriebsrats bei VACUUBRAND, mit 23 Jahren. Warum machst Du das überhaupt - Betriebsrat?
Alexander Liebler:
Wir haben den Betriebsrat ja erst vor einem Jahr gegründet. Mein Vorgänger, der gerade von seinem Amt zurückgetreten ist, hat mich damals angesprochen. Er hat mir Zeitungsartikel gezeigt über andere Betriebe in der Region, die einen Betriebsrat haben und bei denen Tarifverträge gelten. Zudem standen in den letzten Jahren und stehen in der Zukunft viele Veränderungen im Betrieb an, an denen wir uns beteiligen möchten. Bei der Einführung des automatischen Kleinteilelagers gab es zum Beispiel Anlaufprobleme. Der Betriebsrat will sich zukünftig an neuen Projekten beteiligen und die Kollegen einbeziehen. Manchmal geht es scheinbar nur um Kleinigkeiten welche für die Mitarbeiter aber von großer Bedeutung sind: im neu angebauten Hallenschiff sollten vor unserer Betriebsratszeit plötzlich Radios verboten sein. Mir war klar: Wenn wir gehört und fair beteiligt werden wollen, geht das nur mit einem Betriebsrat und der IG Metall.

Aber jetzt bist Du sogar Vorsitzender. Warum machst ausgerechnet Du das, als jüngster Betriebsrat?
Ich engagiere mich schon immer für andere, im Sportverein, im Karnevalsverein oder bei der SPD bei uns in der Gemeinde. Als mein Vorgänger zurückgetreten ist, war mir klar, dass ich Verantwortung übernehmen muss. Ich kenne fast alle 250 Beschäftigten hier. Während meiner Ausbildung und später in der Entwicklung bin ich viel herumgekommen. Bei meinen Rundgängen im Betrieb kommen immer Kolleginnen und Kollegen auf mich zu, besonders seit ich Vorsitzender bin. Unsere Beschäftigten wollen dass es besser wird und Ihre Anliegen gehört werden. Und ich habe die Chance etwas zu bewegen.

Was muss denn besser werden bei VACUUBRAND?
Wir haben dazu im Juni eine Befragung gemacht, die auch überraschende Ergebnisse - im Guten wie im Schlechten - aufwies. Im Großen und Ganzen sind unsere Mitarbeiter gar nicht so unzufrieden; allerdings wollen viele  Beschäftigte besser und gerechter bezahlt werden. Die Löhne bei uns sind teilweise doch sehr unterschiedlich. Wir liegen  in bestimmten Bereichen einiges unter dem Metalltarif, obwohl es der Firma sehr gut geht. Außerdem wünschen sich die Beschäftigten mehr Qualifizierungsmaßnahmen und ein brauchbares  Altersteilzeitmodell - übrigens auch die Jüngeren. Das wissen wir  aus den Sprechstunden, die wir im Rahmen der Befragung im Betriebsratsbüro angeboten haben.

Wie habt Ihr dann den Betriebsrat gegründet? Lief das reibungslos?
Wir hatten geheime Treffen mit der IG Metall in einer Gartenhütte. Bei der IG Metall selbst oder in Kneipen ging nicht, weil einige von uns Angst hatten dabei gesehen zu werden. Schließlich haben wir die Einladung zur Wahlversammlung ausgehängt damit war es dann offiziell gemäß Gesetz. Der Arbeitgeber hat uns keine Steine in den Weg gelegt und sich fair verhalten. Aber bei der Wahlversammlung traten dann andere Kandidaten mit einer eigenen Liste an. Bei der Wahl haben wir als IG Metall eine knappe Mehrheit von fünf zu vier Sitzen geholt.

Wie läuft nun die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung?
Im Moment ist das Verhältnis entspannt. Die Geschäftsführung findet es toll dass ich so jung bin. Die Frage ist, ob dies auch so bleibt, wenn ich im Interesse der Beschäftigten Missstände ansprechen muss.

Was sind denn Missstände über die Du nun bald sprechen willst?
Wie in der Vergangenheit auch arbeiten wir momentan in den meisten Produktionsbereichen 45 Stunden in der Woche aufgrund der guten Auftragslage und Lieferengpässen. Das wurde in Absprache mit uns angeordnet. Allerdings berichten manche Beschäftigte, dass in ihren Bereich gar nicht genug Arbeit da ist. Im nächsten Jahr müssen wir da wohl etwas genauer hinschauen und die genaue Kapazitätsauslastung überprüfen und dann  einen Vorschlag machen. Auch die Regelung der Schließungstage im Rahmen der Inventur vor Weihnachten ist aus unserer Sicht nicht optimal gelaufen. Das muss nächstes Jahr besser laufen.

Wie kam es denn zu den 45 Stunden? Hätte man das nicht mit Neueinstellungen abfangen können?
Ja, das ist an unserem Standort schwierig, da fast Vollbeschäftigung herrscht. Umso wichtiger ist es, dass wir uns mehr einbringen und uns für gute Arbeitsbedingungen und eine gerechte und mit den umliegenden Arbeitgebern vergleichbare Bezahlung einsetzen. Auch müssen wir zukünftig mehr Informationen als Entscheidungsgrundlage einfordern. Ich merke dass mir hier noch Erfahrung fehlt. Wir müssen das Ganze auch auf der nächsten Betriebsversammlung im Januar ansprechen und die Meinung der Kollegen aufnehmen. Ich denke, wir können nicht einfach die Welt einreißen, sondern müssen Schritt für Schritt gemeinsam vorwärts gehen.

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